Wenn die innere Schreiberin streikt
Methoden für eine lustvolle Journalroutine
Es gibt Tage, da handeln wir wie ein Vogelstrauß. Wir wollen eigentlich schreiben – und stecken dann doch den Kopf in den Sand. Statt zum Journal zu greifen, gießen wir die Blumen, gehen joggen, surfen im Internet. Wir beschäftigen uns mit tausend anderen Dingen, nur nicht mit uns und unserem Journal.
Blockaden beim Schreiben sind oft ein Signal. Sie weisen uns darauf hin, dass gerade etwas anderes Vorrang hat oder dass ein Thema noch nicht reif ist, um auf Papier zu kommen. Genau hier setzt Selbstmitgefühl an – die Haltung, die für mich den Kern des Wohlschreibens bildet. Wohlschreiben ist meine liebste Art des Journaling und bedeutet: den Stift so zu nutzen, dass er uns dient, uns stärkt, uns einen Spielraum bietet – und nicht zum Werkzeug für Druck oder Selbstkritik wird.
Was uns am Schreiben hindert
Im vorigen Blogartikel habe ich dir Impulse vorgestellt, die bei einer Ideenflaute helfen können, wieder in Schreibfluss zu kommen. Doch manchmal liegen die Gründe für eine Blockade tiefer.

Meine Kollegin Kerstin Heine aus der Schweiz, eine passionierte Schreiberin, hat die Frage nicht losgelassen, warum auch die besten Methoden und das Wissen um ihre Wirkung manchmal nicht helfen, uns zu motivieren.
Für ihre Abschlussarbeit in der Ausbildung zum Journal Writing Coach hat sie jetzt eine Studie unternommen: Welche Faktoren fördern oder behindern unsere Journal-Routine? Basis bilden ihre Beobachtungen und Erfahrungen an sich selbst, bei Coaches und Workshop-Teilnehmenden und eine ausführliche Befragung von neun Schreibkolleginnen, deren Antworten sie ausgewertet hat.
Ihre Ergebnisse zeigen: Die Gründe, warum wir trotz Sehnsucht nach dem Schreiben nicht ins Tun kommen, sind vielfältig:
- Zeitmangel und Müdigkeit – wir sehnen uns nach Ruhe, aber der Alltag saugt die Energie auf.
- Der innere Kritiker – die Stimme, die fragt: Ist das überhaupt gut genug?
- Perfektionismus – der Anspruch, gleich eine Seite oder „richtig“ schreiben zu müssen.
- Angst vor Gefühlen – Schreiben bringt an die Oberfläche, was wir vielleicht lieber im Verborgenen halten.
- Fehlende Routine – ohne feste Zeiten oder Gemeinschaft verliert sich die gute Absicht schnell.
Strategien für eine lebendige Journaling-Praxis
Die gute Nachricht: Es gibt Wege aus der Schreibblockade. Nicht die eine perfekte Lösung – sondern viele kleine, die du ausprobieren und zu deiner ganz eigenen Routine verweben kannst:
- Schau auf deine Einflussfaktoren
Wann, wo, womit fällt dir das Schreiben leicht? Vielleicht morgens im Bett, vielleicht abends im Café. Manchmal genügt es, den Lieblingsstift parat zu haben. - Übertrage, was schon funktioniert
Wenn du regelmäßig Yoga machst oder einen Abendspaziergang pflegst – warum nicht gleich danach schreiben? Routinen tragen Routinen. - Nutze die Vielfalt
Ein Elfchen, eine Liste, ein Collage-Text, ein paar bunte Striche im Journal. Erlaube dir Abwechslung und spielerische Formen. - Mach dir den Nutzen bewusst
Erinnere dich daran, wie du dich nach dem Schreiben fühlst. Klarer, leichter, zentrierter. Dieses Gefühl kann Motivation schenken. - Die Latte tief legen
Ein Satz reicht. Ein Wort. Auch Kürzest-Formen sind Selbst-Ausdruck. Und sie öffnen die Tür für mehr. - Fortsetzungen zulassen
Du musst Texte nicht „fertig“ machen. Alles darf offenbleiben. Oft ist das spätere Weiterführen besonders fruchtbar. - Schreibgemeinschaft suchen
In Gruppen oder Partnerschaften fällt der Einstieg leichter. Gemeinsamkeit schafft Verbindlichkeit – und Freude. - Freude und Freiheit vor Pflicht
Schreiben ist keine Hausaufgabe. Je mehr es sich nach Spiel, nach Selbstbestimmung anfühlt, desto eher bleibt es lebendig.
Zum Schluss
Wenn deine innere Schreiberin mal streikt, denk daran: Sie will dich vielleicht gerade schützen. Das Nicht-Schreiben darf da sein, sagen Experten wie James Pennebaker und Kathleen Adams – und ab jetzt auch dein Herz! Mit Selbstmitgefühl – und mit kleinen Schritten zurück ins Tun – findest du wieder in eine lebendige Journaling-Praxis.
Denn jedes noch so kleine Wort ist ein Akt des Wohlschreibens – ein Stück Fürsorge für dich selbst.
Die hier vorgestellten Strategien basieren auf einer Studie mit dem Titel „Auf der Suche nach der optimalen Schreibpraxis“ von Kerstin Heine, Coach und Schreibdozentin aus der Schweiz. Ihre Überlegungen und Befragungen sind Teil ihrer Abschlussarbeit im Lehrgang Journal Writing Coach. Sie geht der Frage nach, warum wir manchmal trotz aller Erfahrung und Methoden nicht schreiben – und wie wir eine wohltuende Journaling-Praxis finden können.
Kerstin freut sich über Feedback, Fragen und Ideen. Hier könnt ihr Kontakt aufnehmen:
kontakt@kerstin-heine.com und https://schreib-salon.ch/
