„Das wird dir gefallen, da gehörst du hin“, hatte meine Freundin Emelie Dittmer gesagt. Nun saß ich in einer Kirche in Stockholm und fror. Die Reise zur „Write for Life“-Konferenz war weder in meinem Jahresplan noch in meinem Budget vorgesehen gewesen. Aber ich hatte Emelie vertraut. Und meinem Bauchgefühl.
Emelie, Autorin von „Write to heal“ und Organisatorin der Konferenz, hatte in den vergangenen Monaten nicht locker gelassen. Also saß ich schließlich in einer zum Tagungsort umgewidmeten Kirche, frierend, weil so ein Kirchenschiff schwer zu heizen ist.
Schreibfans aus vielen Ländern – eine Vorliebe
Auf den dunklen Holzbänken, beschienen von der Sonne, die durch bunte Fenster fiel, saßen Expert:innen und Schreibfans aus den USA, Großbritannien, Spanien, Schweden, Dänemark und Deutschland. Sie alle brachten ganz eigene Ansätze, Ideen und Schreiberfahrungen mit. Gemeinsam hatten sie jedoch eine Vorliebe: Für sie ist das „deep writing“, eine Form des Expressive Writing, der bevorzugte Weg für persönliches Wachstum.

Das klassische Expressive Writing geht auf ein viertägiges Schreibexperiment des Psychologen und Forschers James W. Pennebaker in den 1980er Jahren zurück. Studierende schrieben an vier aufeinanderfolgenden Tagen offen und ehrlich über belastende Erlebnisse. Dabei entdeckte Pennebaker eine Methode, die Menschen helfen kann, mit schmerzhaften Erfahrungen leichter zu leben.
Ich legte meinen Stift direkt wieder hin
Auch Mark Matussek, Autor und Workshopleiter, ist ein Anhänger dieser Schreibmethode. Er hielt in Stockholm die erste Keynote der Konferenz und eröffnete uns, den Teilnehmer:innen auf den harten Kirchenbänken, seine Schreibphilosophie. Schonungslos ehrlich und offen sollten wir schreiben, für 25 Minuten. Sein erster Impuls lautete: „Schreib über den Moment, in dem du das Vertrauen in die Welt verloren hast.“ Wow.
Ich legte meinen Stift direkt wieder hin.

Ich bin überzeugt vom klassischen Expressive Writing, habe es wieder und wieder als wirksam und stärkend erlebt, für mich persönlich und bei Teilnehmer:innen. Doch hier meldete sich die Fachfrau in mir: „Dieser Weg ist nichts für Menschen mit Trauma.“ Eine Schreibreise zu den Phasen, in denen wir tief verletzt, womöglich traumatisiert wurden, braucht Vorbereitung, Vertrauen, die Möglichkeit zur Nachsorge, kurz einen sicheren Ort. Dieses kalte Kirchenschiff und ein Dozent, den wir gerade mal zehn Minuten kannten, boten keine angemessenen Ausgangsbedingungen für eine solche Reise in die dunkle Vergangenheit. Mein innerer Rebell reagierte mit klaren Worten: „Auf die Anregung pfeif ich.“ Dieser Schreibansatz war offensichtlich nicht meine Schreibwelt. Zumindest heute nicht mehr – und nicht auf diese Weise.
So überraschend diese Erfahrung gleich zum Start der Konferenz war, so lernte ich dank ihr etwas sehr Bedeutsames:
- Auch bei einer bewährten Schreibmethode kommt es darauf an, wie, wann und in welchem Rahmen sie angeboten wird.
- Wähle deinen Workshopleiter weise.
- Wie gut, dass es die fünf Wirkstoffe und das Wohlschreiben gibt, die sich wie ein Zuhause anfühlen.

Etwas weniger enthusiastisch ging ich daher in meinen zweiten Workshop. Und erlebte Charmaine Pollak, eine Poesietherapeutin mit jamaikanischen Wurzeln. Sie brachte ihr neues Buch „Writing for Resilience“ mit, einen Ratgeber für mehr Mut und Widerstandskraft, und viele verschiedene Gedichte, die ich verzückt einsammelte, weil sie mich an meine genussvolle Weiterbildung in Poesietherapie erinnerten. Auch in meinem Ausbildungsinstitut hatten wir oft in einem Raum mit Fünfzigerjahre-Charme geschrieben, so wie hier. Damals am Fritz-Perls-Institut in Hückeswagen fiel unser Blick auf einen See, hier in diesem Raum unterhalb des Kirchenschiffs auf einen kalten Kamin.
Schnell warm ums Herz
Trotzdem wurde uns schnell warm ums Herz, dank Charmaine, die es uns überließ, ob wir in die Tiefe tauchen, in die Vergangenheit reisen, in die Zukunft schweifen oder uns mit der Gegenwart beschäftigen wollten. Zum großen Vergnügen aller zog sie das Gedicht „Parsley“ von J. Ferraray aus ihrer Tasche. Viele von uns lasen es als kleines Manifest gegen das dekorative, angepasste Frausein. In ihren Texten schrieben die Teilnehmerinnen darüber, dass sie kein hübsches, angenehmes Beiwerk sein wollten, während „die guten Sachen“ anderswo passierten.
Petersilie
Ich möchte keine Petersilie sein,
erst ganz zum Schluss
über etwas gestreut werden,
am Rand von Servierplatten liegen,
Garnitur für die guten Sachen,
damit alles schön appetitlich aussieht.
Was ist das für ein Lohn dafür,
dass man sich die ganze Zeit
grün hält, sich verführerisch
auf den Möhren räkelt,
bis man heruntergepflückt wird?
Manche würden vielleicht sagen:
Petersilie, du trägst womöglich nie zum Geschmack
von irgendetwas bei, aber
immerhin verdirbst du ihn auch nicht.
Trotzdem möchte ich keine Petersilie
sein. Ich möchte nicht sie sein.
Eine Lanze für die Petersilie

Auch ich erteile dem Dasein als Garnitur von irgendwas oder irgendwem natürlich eine Absage. Aber schon am Vortag war in mir der kleine Rebell erwacht, der sich besonders gern für Underdogs einsetzt – und außerdem konnte man das Gedicht auch ganz anders lesen. Ich stand also auf: „Ich muss hier eine Lanze für die Petersilie brechen. Sie ist so ein feines, bescheidenes Kraut und steht für die stillen Tugenden. Nicht alle müssen eine große Show abziehen, um etwas zu bewirken. Leise Worte, die von Herzen kommen, wirken auch. Und was wären etwa Petersilien-Kartoffeln ohne Petersilie?“ Ich hörte, wie neben mir jemand aufstand: „Genau, das wollte ich auch sagen, go, Parsley, go!“
Masha Mozolovskaja, Schreibdozentin und Journalistin, lachte mich an und ich fühlte mich in guter Gesellschaft, denn nur wenige der anderen Frauen im Raum schienen unsere Begeisterung für Petersilie zu teilen.
Vielleicht beginnt Schreibheimat auch so: Ich darf etwas anderes in einem Gedicht entdecken. Und jemand versteht mich.
Für Masha ist Humor eine der wichtigsten Zutaten beim Schreiben, verriet sie mir in Stockholm, gleich neben Optimismus und Leichtigkeit. In Barcelona veranstaltet sie daher zusammen mit Oliver Mann das internationale Journaling Festival, das im Gegensatz zum „deep writing“ in Stockholm nach einer Schreibparty klingt. Ich bin schon sehr gespannt, Mashas und Olivers Schreibwelt zu erleben und bin gespannt, ob und wie ich mich dort zuhause fühlen werde.
Ein Schreibraum, der sich wie Zuhause anfühlt
In Stockholm machte ich auf jeden Fall in den drei Konferenztagen tiefgreifende und wunderbare Schreiberfahrungen. Etwa bei der Buchpräsentation von Megan Hayes, einer Sozialwissenschaftlerin, die neben Schreibratgebern das Memoir „Glimmering – Healing In 22 Wild Swims“ geschrieben hat. Darin erzählt sie, wie sie lernte, mit ihrem Trauma zu leben – unter anderem, indem sie Worte dafür fand.

Es gab in Stockholm also manche Räume, die sich wie ein Schreibzuhause anfühlten. Einige fühlten sich gleich vertraut an, andere weniger. Und in einem entdeckte ich, wie gut es tut, den Stift auch einmal liegen lassen zu dürfen.
Nach dieser Reise ist mir besonders deutlich geworden, wie gut es tut, einen Schreibraum zu haben, der sich wie ein Zuhause anfühlt. Für mich ist das Wohlschreiben ein solches Zuhause. Es bietet Sicherheit, Inspiration und die Möglichkeit, mich zu entdecken und zu entfalten. Und es hat viele Räume: Ich kann tieftauchen, auftauchen, vergnügt im eigenen Element sein oder mich freischwimmen für eine Zukunft, die ich nach meinen Wünschen und Bedürfnissen mitgestalte.
Welcher Raum gerade der richtige ist, darf sich verändern. Je nach Lebensphase brauche ich es mal tiefer und nachdenklicher, mal poetischer, mal verspielter oder auch ganz strukturiert. In Stockholm habe ich gespürt, wie viel mir diese Wahlfreiheit bedeutet.
Mit diesem Zuhause im Gepäck und viel Neugier auf Menschen, die mit dem Journaling eigene, andere Wege gehen, reise ich im November nach Barcelona. In meiner Präsentation werde ich über meine persönliche Reise mit dem Schreiben sprechen – und darüber, wie daraus ein Zuhause geworden ist, das ich mit anderen teilen kann.
Zu diesem Zuhause gehört auch meine erweiterte Schreibfamilie, die Journal Community. Mit Kathleen Adams und Deborah Ross verbindet mich das therapeutische Journaling und die Frage, wie beim Schreiben Gemeinschaft entsteht und was sie für uns bedeutet. Gemeinsam haben wir darüber ein Buch geschrieben: „Write toward home“, das demnächst im Verlag punktgenau erscheint.
Die Journalwelt wird größer
Die Welt des Journaling wird immer größer und vielfältiger. Immer neue Räume öffnen sich für uns. Das Schreiben wird verknüpft, verwandelt, weiterentwickelt, zugeschnitten auf die Menschen, die es brauchen, und auf ihre Bedürfnisse. Teil dieser wachsenden Schreibfamilie zu sein, macht mir Mut.

„Wenn eine eine Reise tut, dann kann sie was erleben“, dachte ich Anfang September auf dem Heimweg von Stockholm. Manchmal entdecken wir unterwegs, was wir brauchen. Und manchmal merken wir, wie viel von unserem Zuhause wir schon mitgebracht haben.
Und darum frage ich dich heute ganz direkt: Wo ist deine Schreibheimat? Woran merkst du, dass du dort willkommen bist? Und wenn du noch keine gefunden hast: Was müsste ein Schreibraum dir bieten, damit du dich zu Hause fühlst?
Zum Weiterschreiben und Weiterreisen
Literatur zum Weiterlesen
- Adams, Kathleen; Ross, Deborah; Schreiber, Birgit (2026): Schreib dich ins Leben. Wie Journaling zum Lebenskompass wird. Verlag Punktgenau, in press. Vorbestellung: https://verlag-punktgenau.at/
- Hayes, Megan (2026): Glimmering: Healing in 21 Wild Swims. Seren. ISBN: 9781911752042. Zur Verlagsseite. Seren
- Hill Dittmer, Emelie (2026): Write to Heal: The Healing Power of Writing. Lassbo Waalan. ISBN: 9789199007694. Zur Verlagsseite. thriftbooks.com
- Matousek, Mark (2017): Writing to Awaken: A Journey of Truth, Transformation, and Self-Discovery. Reveal Press / New Harbinger Publications. Mit einem Vorwort von Joan Borysenko. ISBN der Taschenbuchausgabe: 9781626258686. Zur Verlagsseite. newharbinger.com
- Pollard, Charmaine (2021): Writing for Resilience: Finding the Courage to Bounce Back. Im Selbstverlag erschienen („Independently Published“). ISBN: 9798580106915. Weitere Buchangaben. Foyles
- McGuinness, Julia D. (2025): Writing the Journeys We Never Wanted to Make: A Guide to Journalling for Resilience. Wellness Books. ISBN: 9781068458101. Zur Website der Autorin. Tertulia
Veranstaltungen und Kontakt
Neujahrscamp mit Birgit Schreiber ab 18.12.26 – online
Ab dem 21. Dezember starten wir auf unsere traditionelle Reise ins neue Jahr. Hier lernst du die wohltuende Wirkung des Wohlschreibens kennen.
Kontakt: office@schreibercoaching.de
Informationen und Anmeldung (IST DIE SEITE SCHON AKTUALISIERT?!): Schreiben zur Selbsthilfe – Neujahrscamp.
Barcelona Journaling Festival – 7. und 8. November 2026
Zweitägiges internationales Festival mit Workshops, Vorträgen und Austausch. Veranstaltungsort: BAU – College of Arts & Design, Barcelona.
Kontakt: Oliver Mann, oliver@unleash.ink
Programm, Informationen und Tickets. International Journaling Community
Journaling Barcamp – 20. und 21. Februar 2027, Bremen
Veranstaltungsort: Übersee-Museum Bremen, Bahnhofsplatz 13, 28195 Bremen. Gastgeberinnen: Diana Soriat und Nicole Woltmann. Das Motto lautet „Fantasie, los! – Journaling als Reise in die menschliche Vorstellungskraft“.
Informationen, Tickets und Veranstalterkontakt über Eventbrite.
Zeit für die eigenen Geschichten – 3. bis 5.9.2027
Veranstaltungsort: Oberdeck an der Strandpromenade auf Wangerooge
Autobiografisch schreiben: Worte, neue Klarheit und Orientierung finden
Bei Interesse schreib mir eine Mail an: office@schreibercoaching.de
