So geht es herzwärts: Sammle Momente der Verbundenheit

Am Wochenende lernte ich, wie klitzekleine Momente mein Leben reicher machen können. Meine Freundin M. feierte ihren Geburtstag und lud dazu Frauen aus ganz verschiedenen Lebensbereichen ein. Die meisten von ihnen sah ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal. Es war spannend, so viele neue Menschen kennen zu lernen, doch vor allem freute ich mich darüber, mit welch wunderbaren Menschen meine Freundin sich verbunden hat und wie gut sie in ihrem Kreis aufgehoben ist. Zum Abschluss tanzten wir alle zusammen. In diesem Moment spielte es keine Rolle, wer sich wie lange kannte oder zu welchem Teil ihres Lebens gehörte. Die Musik und die gemeinsame Bewegung verbanden uns alle und ich war Teil eines wunderbaren Kreises.

Verbundenheit hat viele Gesichter

Das erkannte ich heute morgen, als meine Hündin Frieda bei strahlender Spätsommersonne ein Bad genommen hatte. Zurück auf dem Parkplatz rubbelte gerade eine Frau ihren eigenen Labradoodle trocken. Ihren Gehwagen hatte sie bereits in ihrem Kofferraum verstaut. Ich rief ihr ein freundliches „Hallo“ zu, wie unter Hundebesitzer:innen üblich, und sie grüßte zurück. Dann bewunderte sie Friedas Locken, die ihr Doodle leider nicht geerbt hat, und erzählte mir, dass sie selbst an MS erkrankt ist, schnell ermüdet und ihrem Hund deshalb Bälle und Stöckchen werfe, damit er sich bewegen und verausgaben kann.

„Mein Hund heißt Freddy“, sagt sie. „Meiner heißt Frieda.“

Plötzlich teilten wir etwas, obwohl wir Fremde waren

Wir lachten. Plötzlich war da etwas, das wir teilten und uns, zwei Fremde, einander näher brachte. Wir beide lieben unsere Tiere, wir sorgen für sie und finden Wege, ihnen das zu geben, was sie brauchen.

Wahrscheinlich werde ich diese Frau nicht wiedersehen. Und so bleibt es wahrscheinlich bei dieser einen Begegnung und dem Moment der Verbundenheit. Aber er gehört nun zu meinem Tag – und zu meinem Leben.

Verbundenheit wahrnehmen

Wir denken bei Verbundenheit oft zuerst an unsere engsten Beziehungen: an Familie, Freundschaften, Partnerschaft oder eine Gemeinschaft, der wir uns zugehörig fühlen. Doch Verbundenheit zeigt sich auch so: Jemand lächelt uns an. Jemand winkt uns zu. Jemand nickt, wenn wir etwas sagen.

Verbundenheit ist sogar eine Vorstufe von Liebe, sagt die kalifornische Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky.

Außerdem ist sie ein Anti-Aging-Mittel.

Wer ein soziales Netz hat, lebt länger, zeigen Metastudien.

Zusätzlich ist dies etwa in Ulrike Scheuermanns Buch Freunde machen gesund nachzulesen.

Jenseits aller Studien macht mich der Moment der Verbundenheit einfach froh und zufrieden.

Darum sind die Begegnungen, von denen ich oben erzählt habe, für mich so kostbar.

Und ich halte sie fest – nicht im Bild, sondern in Worten.

Unser Gedächtnis hält sich gern an das, was schwierig war, uns geärgert oder beunruhigt hat. Die Frau am See, das gemeinsame Tanzen oder das Lächeln einer Unbekannten verschwinden dagegen schnell im Strom des Alltäglichen.

Wenn wir diese Momente aufschreiben, geben wir ihnen mehr Raum. Wir holen sie noch einmal zurück und lassen sie zu Erfahrungen werden, die bleiben dürfen.

Die bereits erwähnte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky beschreibt dazu einen schönen Zusammenhang. Wir erleben mehr Nähe, wenn wir den Mut haben uns selbst zu zeigen. Und auch, wenn wir uns aufrichtig für andere interessieren. Wenn wir zuhören, neugierig bleiben und wissen wollen, Wie ist es eigentlich, du zu sein.

Darum habe ich begonnen, bewusst und öfter zuzuhören. Zu fragen, was mein Gegenüber bewegt. Und dann erst zu schauen, ob das Gegenüber auch wissen möchte, wer ich bin.

Wenn ich spüre, da ist echtes Interesse – beiderseits – ist das oft ein Highlight meines Tages, nicht nur ein Moment der Verbindung, sondern ein Moment des Glücks. Meine Freundin R. erzählte neulich von einem solchen unerwarteten Moment und wirkte beseelt, wie schock-verliebt.

Darum habe ich heute eine Idee für dich. Hast du Lust, für eine Woche täglich nach einem Moment der Verbundenheit Ausschau zu halten? Und zu erleben, ob und wie dir das gut tut?

Darüber hinaus kannst du Verbundenheit nicht erzwingen. Außerdem kannst du dich bereitmachen. Auch neugierig werden. Zusätzlich kannst du Fragen stellen. Schließlich kannst du auch schweigen und einfach genießen.

Vielleicht möchtest du diese Momente dann abends im Journal festhalten. Frage dich dabei:

Wann habe ich mich heute verbunden gefühlt?

Zunächst stellst du fest, dass Verbundenheit nicht nur zwischen Menschen entsteht.

Wir können sie mit einem Tier erleben.

Wir können sie auch mit der Natur, mit Musik, einem Buch, einer Aufgabe oder einem Ort erleben.

Auch die Erinnerung an einen Menschen kann uns für einen Augenblick aus der Vereinzelung holen.

Du kannst die Situation in wenigen Minuten beschreiben, ganz anschaulich:

  • Wo warst du?
  • Wer war dabei?
  • Was ist geschehen
  • Was hast du gesehen, gehört oder gespürt?
  • Wie entstand die Verbundenheit?
  • Wie hat sie sich in deinem Körper angefühlt?
  • Was nimmst du daraus mit?

Mir tut es gut, am Ende der Woche alle gesammelten Momente noch einmal langsam durchzulesen und mir eine Ernte zu schreiben:

  • Welche Formen von Verbundenheit habe ich erlebt?
  • Was hat mich überrascht?
  • Wann fühlte ich mich als Teil von etwas?
  • Welche Begegnung klingt noch in mir nach?
  • Was brauche ich, um mich häufiger verbunden zu fühlen?
  • Was möchte ich selbst zu mehr Verbundenheit beitragen?
  • Wie fühle ich mich jetzt, nachdem ich all diese Momente noch einmal gelesen habe?


Oft lautet die Antwort: besser. Wärmer. Weniger allein. Vielleicht bemerkst du auch eine Sehnsucht oder erkennst, wo dir Verbundenheit fehlt. Auch das gehört zur Ernte.

Mich erinnert diese Praxis an einen Gedanken aus Senecas Schrift Von der Kürze des Lebens: das eigene Leben nicht auf später zu verschieben, sondern den Tag als kostbare Lebenszeit zu begreifen.

Ein Tag besteht nicht nur aus dem, was wir erledigt haben. Er besteht auch aus den Augenblicken, in denen wir uns als Teil des Lebens, als Teil einer Gemeinschaft erfahren haben.

Manchmal braucht es dafür nicht mehr als einen nassen Hund, zwei ähnliche Namen und ein kurzes Gespräch am See.

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