Leben ist wichtiger als Schreiben

Das sage ich – obwohl Schreiben für mich Leben ist. Gestern musste ich meinen Hund Jackie einschläfern lassen. Jackie hat mich über 14 Jahre lang begleitet, sie saß als Welpe unterm Schreibtisch in der Uni, als ich promovierte. Sie wartete zuhause, als ich mit meinem ersten Kind aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Ab da wurde sie zu einer großartigen – wenn auch sehr, sehr haarigen – großen Schwester.
Ich erinnere mich noch an meine Schockstarre, als ich sah, wie meine einjährige Tochter in Jackies Nase biss. Ja, so herum ist es richtig. C. biss J. in die Nase. Jackie jaulte auf – und leckte dem Baby nachsichtig übers Gesicht. Etwas schwerer tat Jackie sich, als C. einmal ihren Kopf in den Futternapf versenkte und sich ein, zwei Hundedrops in den Mund schob – bevor ich eingreifen konnte.
Jackie war auch im Raum – wie alle nahen Familienangehörigen – als meine Mutter starb. Meine Mutter hat sie an ihrem letzten Tag zum Abschied liebevoll gestreichelt. Jackie war da, als mein zweites Kind zur Welt kam und noch mehr Leben in die Bude brachte.
Wenn ich von Dienstreisen nach Hause kam, bellte sie, sobald sie mich auf den Stufen hörte. Morgens musste ich ihr oft erstmal ausgiebig die Ohren kraulen, bevor ich mir meinen Kaffee machen konnte. Nach zwei schweren OPs und Arthrose-gebeutelt humpelte sie zuletzt immer noch tapfer, fröhlich und unendlich langsam jeden Morgen mit zur Kita meines Sohnes. Manchmal war mir das lästig, aber zuletzt nutzte ich die Pausen dazu, um stehen zu bleiben und nach einer Blüte, einem Zweig, einem Maulwurfshaufen zu suchen, den ich bei meinen täglichen Spaziergängen bislang noch nicht entdeckt hatte. Unsere Gassi-Geh-Achtsamkeitsübung.
Das wird mir sehr fehlen. Sie wird mir sehr fehlen. Nein, sie fehlt mir jetzt schon sehr.
So sehr, dass ich – wenn Ihr mir das heute anbieten würdet – mein Schreiben für das Leben meines Hundes eintauschen würde. Nie wieder schreiben, aber dafür meinen Hund lebendig an meiner Seite.
So tief ist der Schmerz.
Besser kann ich es heute nicht ausdrücken.

Schreiben hilft – darüber schreibe ich ja gerade ein Buch. Auch Jackie wird darin vorkommen.

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