Schreiben hilft (1): In Krisen

Vor wenigen Tagen schrieb ich über meine treue Begleiterin Jackie, meinen Hund, den ich nach 14 Jahren einschläfern lassen musste.
Ich war tief traurig und stellte fest, dass ich mein Schreiben gegen das Leben meines Hundes eintauschen würde.
Das würde ich immer noch tun. Ich würde ein neues Mittel des Ausdrucks finden, Malen zum Beispiel oder Singen und Tanzen. Ich würde einen intermediären Quergang machen wie es in der Poesietherapie heißt und an einem anderen kreativen Ort sicher landen.

Natürlich würde ich mir etwas nehmen, weil – wie mir eine kluge Blog-Leserin vor zwei Tagen schrieb – Schreiben hilft. Auch in Krisen.

Das erlebe ich nun gerade – rund um den Tod meines Hundes. Und dank Euch.

Ein paar Beispiele: Während der fünf Stunden, die meine Kinder und ich beim Tierarzt verbrachten, protokollierte meine Tochter, was gerade geschah: “Jackie wird jetzt geröntgt, ihr wird Blut abgenommen und ein Ultraschall der Organe gemacht …”.
Protokollieren, was geschieht, ist eine alte Methode der Bewältigung und ein Versuch, das Leben und sich selbst unter Kontrolle zu bringen – Goethe tat es zum Beispiel, jeden Tag führte er Buch, über das was er tat. Erst sechs Monate vor seinem Tod enden diese Aufzeichnungen.
Die Methode funktioniert tatsächlich, weil das Gehirn Emotionen damit regulieren kann, wie Studien von Matthew Lieberman zeigen. Wenn der Neo-Cortex arbeitet, weil wir darüber schreiben, was wir fühlen, dann kann die Amygdala, die für Angst und Panikreaktionen zuständig ist, herunter geregelt werden (www.college.ucla.edu/news/07/feelings-into-words.html). Die Folge: Wir fürchten und sorgen uns weniger.

Ich selbst lentke mich ab, in dem ich jeweils für Momente in einem Buch von Elizabeth Georges las – meine Art der Versicherung, dass das Leben noch andere Aspekte hat als Krankheit und Tod. Wenn ich aus dem Buch aufschaute, war sie natürlich wieder da, die Sorge um Jackie.
Mein Sohn hörte derweil im Autokassettenrekorder ein Hörbuch. Wir alle nutzten auf unterschiedliche Weise die Macht der Worte, um unsere Krise auf dem Parkplatz vor der Tierklinik zu überstehen (bewältigen wäre wirklich zuviel gesagt).

Nachdem Jackie gestorben war, schrieb ich meinen Blog-Beitrag, von dem ich dachte, ich würde ihn nie schreiben können. Es half – auch das liegt wohl daran, dass Emotionen durch Kognitionen leichter erträglich werden. Und weil ich ein Publikum in Euch hatte, das in meinen Gedanken schon Anteil nahm, während ich noch schrieb.

Das war keine Phantasie, wie ich schnell feststellte: Eine Blog-Leserin schickte mir einen Text, in dem sie ihre Eindrücke und Gefühle nach dem Tod ihres Familienhundes schilderte. Sie war von fern per Tablet-PC dabei, als das geliebte Wesen vom Tierarzt eingeschläfert und dann von der Familie gemeinsam begraben wurde.

Ihr könnt Euch kaum vorstellen, wie sehr mich der Text berührt und getröstet hat. Es war, als ob mir jemand bei Minus 10 Grad einen warmen Mantel reicht, mir dann einen Schal um die Schultern legt und eine heiße Tasse Tee anbietet.
Mit Worten. Übers Internet. Es gab eine Verbindung in der Trauer, geteiltes Leid.

“Texte sind Botschaften über mich, an mich und an andere”, sagt Poesietherapie-Begründer Hilarion Petzold. Die Botschaft der Blogleserin ist ebenso angekommen, wie auch meine an Euch, davon bin ich überzeugt.

Über persönliche Erfahrungen zu schreiben und andere daran teilhaben zu lassen, hat noch einen weiteren positiven Effekt: Unsere Geschichten tragen bei zur großen Vielfalt der Geschichten über Verlust und Trauer, sie sind Teil des großen Erfahrungsteppichs, an dem wir alle mit weben, wenn wir schreiben. Das sagt nicht nur Tristine Rainer in ihrem Buch “Your Life as Story”, das – wenn es nach mir ginge – Pflichtlektüre für Memoir-Schreiber wäre.

Das sagen auch Hilarion Petzold und viele andere Schreibdozenten. Durch Personal Essay, Memoir und andere biografische Texte wird der Teppich der Erfahrungen bunter, komplexer und tragfähiger. Einzelne können sich von diesem Teppich tragen lassen: “So haben diese Menschen das erlebt. Ich selbst habe es auf diese Weise erlebt. Sie haben es durch gestanden. Auch ich kann es durchstehen und wieder froh werden.”

Das dauert allerdings. Ich bin nach dem Tod meines Hundes noch sehr traurig, ebenso wie die Blogleserin, die mir ihren schönen Text geschickt hat.

Für die Zeit, wenn die Trauer etwas nachlässt, habe ich schon einen weiteren Text in meinem Vorrat. Er stammt von meiner Freundin R., heißt: “Hoch auf die kleine Träne” und enthält diese Passage:

“Ein Hoch der kleinen Träne,
die zärtlich über die Narben des Lebens streichelt.”

Von sanften Tränen kann ich noch nicht reden.
Aber die Sturzbäche, die ich in der ersten Nacht ohne Hund vergossen habe, strömen jetzt seltener.
Meine Freundin R. hat erahnt, wie sich das anfühlt und weise so beschrieben:
“Denn noch kann sich Dein Schmerz nicht entscheiden, wo er sitzen will, im Herz, im Bauch, eigentlich sitzt er im ganzen Körper und Dein Kopf ist ein einziges Fragezeichen. Alles zieht sich immer wieder zusammen und Du fragst Dich, während Du funktionierst, wann das wohl aufhört.”

Warum die Trauer noch eine Weile bleiben wird, erklärt mir die Blog-Leserin, die mir ihren wunderbar-traurigen Hundetext schickte. Am Ende schreibt sie:
“Das letzte, was ich sehe, ist verpixeltes milchkaffeefarbenes Fell, von dem ich genau weiß, wie es sich anfühlt und wie es riecht. Ein Stück Zuhause ist gestorben.”

0 Kommentare zu „Schreiben hilft (1): In Krisen“

  1. Danke für diesen persönlichen Text! Es ist schön zu wissen, dass Schreiben auch schon dann hilft, wenn die Trauer noch akut ist… es fühlt sich beruhigend an, der Gedanke, dass das Schreiben einen durch alles hindurchträgt…

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