Wo gibt’s denn heut noch gute Menschen?

„Früher war alles besser“, „Heute denkt jeder nur an sich“. Das sind Sätze, die mir in Bahn und Bus, morgens im Schwimmbad und mittags in der Schlange im Frischmarkt um die Ohren rauschen. Ich klappe letztere dann gern zu.

Trotzdem bleibt etwas hängen, denn genetisch sind wir programmiert, schlechte Nachrichten fest zu halten. Früher, als wir noch in Horden lebten, rettete uns das Wissen um Gefahren das Leben. Heute geht es im Alltag meist nicht um Leben und Tod. Was wir speichern, rettet uns nicht, es verdirbt uns die Laune.

Meine Sammlung von Lebensregeln ist – so hoffe ich – ein konstruktives Gegenstück zu den misanthropischen Warnungen, dich ich von Mitmenschen empfange.
Heute konnte ich meinen persönlichen Geboten ein neues hinzufügen:
„Wenn ich darum bitte, habe ich die Chance darauf, dass mir gegeben wird.“

Ich beziehe diese Weisheit aus einer schlichten Begegnung heute morgen im Duschraum des örtlichen Schwimmbades:
Gerade begann ich mich über meine Vergesslichkeit zu ärgern (kein Shampoo dabei) – da sah ich, wie meine Duschnachbarin eine XXL-Flasche Haarwaschmittel in ihre Tasche steckte. „Könnten sie mir eine Handvoll Shampoo abgeben?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Gern, ich habe hier sogar noch eine Probeflashce, die können sie behalten.“

Jetzt habe ich sogar noch Shampoo für vier weitere Schwimmmorgende in der Tasche.

Mit der Duschnachbarin auf der anderen Seite entspann sich dann folgender Dialog:

„Die Menschen denken nicht nur an sich.“
„Nein, wir behalten nur immer die schlechten Beispiele im Kopf.“
„Zum Glück darf man manchmal umlernen“.
„Stimmt, und schönen Sonntag noch.“
„Ihnen auch.“

Wenn man das ganze dann noch notiert, im Blog, im Notiz- oder Tagebuch, dann sichert man sich mal ganz gegen den Strom die guten Nachrichten.

Gestern sammelte ich eine – verglichen mit meiner kleinen Schwimmbad-Episode – ungleich bessere Nachricht ein: Der Vater eines Kita-Kindes erzählte bei einer Feier beiläufig, seine Familie habe vor Monaten die Pflegschaft für einen jungen Somalie übernommen, einen Lampedusa-Flüchtling, der abgemagert und Hepathitis-krank in Deutschland gelandet sei. Der Junge mache sich prima, er gehe zur Schule, habe Freunde gefunden. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen, die Familie fühle sich bereichert.“
Ja, das gibt’s. Diesem Pflegevater ist es ernst mit dem Engagement, er ist selbst traumatisiert durch Jahre des Einsatzes im Kosovo, er hat viel nachgedacht und eines gelernt: Es gibt überall gute Menschen.

Ich bin sehr berührt von diesem Beispiel der Humanität. In dem ich es hier aufschreibe, setze ich mir selbst einen Anker – so heißt das unter Dozenten für heilsames Schreiben. Mir gefällt auch der Ausdruck: „Erinnerungsinsel“ – das klingt so noch Urlaub und Paradies. Wie dem auch sei: Der Laune tut’s gut.

Einen schönen Sonntag für Euch alle.

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