Schreibend reisen

Es regnet in Strömen. Und mein Hund hat Durchfall. Ich sitze am Balkonfenster und freue mich: Was für ein Glück!

Irgendwas oder -wer hat wohl ein Einsehen gehabt, so dass ich nun nicht nach Leer fahren muss, um meinen Kindern meine Heimatstadt zu zeigen. Denn auch dort ist bis 15 Uhr nur Nassregnen angesagt.

Als meine Tochter vor einigen Monaten vorschlug, mit ihr die Orte meiner Kindheit zu besuchen, war ich Feuer und Flamme. Eine schöne Vorstellung, meinem Kind die Turnstangen zu zeigen, an denen ich als Grundschülerin durch die Pausen hangelte. Eine wonnige Idee, wieder einmal wie Hänsel und Gretel durch den Heseler Wald zu stromern, dort die sandigen Hügel hinunter zu kugeln und mich an die Pilzmahlzeiten zu erinnern, die wir dort unter fachkundiger Anleitung von Opa und Onkel zusammen sammelten.

Seit gestern holten mich dann die weniger schönen Bilder meiner Heimat ein. In meiner Vorstellung sah ich mich in klammen Klamotten und unter dichter grauer Wolkendecke an den Gräbern meiner Großeltern und Eltern stehen.
Ich sah unsere Familie durch die Gäßlein der Kleinstadt Leer wandern, während sich kein Sonnenstrahl durch die Giebel zwängt und kein fröhliches Schattenspiel die Enge zwischen den Häusern weitet.
Und ich sah mich vor meinem Großelternhaus stehen, in dem nun andere Menschen wohnen, andere Kinder spielen und ganz andere Geschichten als meine erzählt und erlebt werden.

Zum Glück sitze ich nun hier und mein Ausflug findet nur jetzt und hier für 20 Minuten in meinem Kopf statt. Das ist ein Besuch in der Vergangenheit nach meinem Geschmack. Er zeigt mir – wieder einmal – wie wunderbar es ist, schreibend Orte zu besuchen – und sie sofort wieder verlassen zu können, wenn mir danach ist.

Meine Zeitmaschine – das Schreiben – betätige ich nach Gusto. Die Ferien bieten sich besonders an für diese Art von Reisen, anstelle von echten oder zusätzlich zu realen Reisen.

Für alle von Euch, die Lust auf einen kleinen Ausflug in die Kindheit und die Phantasie haben, hier eine feine, kleine Schreibanregung:

Wir alle kommen von irgendwo her. Wo bist Du hergekommen?
Und wie bist Du entkommen?

Wer mag: Beschreibe den Ort auf der konkreten Ebene (die Straße Deiner Kindheit, Dein Elternhaus, die Schule oder auch deinen ersten Freund und Kuss … )
und auf der inneren Ebene (wo fühltest Du dich geborgen, zu Hause, in der Sackgasse, fehl am Platz, auf der Durchreise, endlich angekommen … ).
Vielleicht könnt Ihr beide Ebenen verbinden?

Zeitvorschlag: 20 Minuten.

Eine schöne Zeitreise wünscht Euch: Eure Birgit

 

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