Essay – Blog – Kolumne:

Die eigene Stimme erleben: Sie trägt

Wie Ihr alle wisst, bin ich ein Fan der neuen Autobiografie, des Memoirs. Ein Genre, in dem wir die Freiheit haben, an unserer Geschichte zu heilen. Ja, das meine ich wörtlich. Das Memoir erlaubt uns, in wohlwollender, gereifter Rückschau Erinnerungen neu zu bewerten und kombinieren.

So, dass wir mit dem Blick von heute sehen, was wir alles überwunden, geschafft, geschaffen, erlebt, erlitten aber auch gefeiert haben. Und dann loszulassen. Und Ja zu sagen: Ja, das bin ich. Und so bin ich zu der geworden, die ich bin. Gut genug und gut zufrieden.

So wird das Memoir zur heilsamen Geschichte. Das jedenfalls ist mein Fazit nach vielen Jahren des Schreibens.

Der einzige Nachteil, den ich am klassischen Memoir in Buchlänge erkennen kann: Es ist lang. Es braucht Zeit, es muss reifen, Wochen, Monate, Jahre womöglich.

Zum Glück gibt es Alternativen für die Ungeduldigen wie mich: Essay, Blog, Kolumne

Zum Glück gibt’s die kurzen Formen

Das Memoir ist ein Genre mit vielseitigen Varianten: Es gibt Formen für jeden Geschmack und zu jedem Thema.

Ein Memoir heißt dann etwa Momoir, wenn es um die Geschichte einer Mutter geht, es heißt Foodoir, wenn die Erlebnisse sich um Lebenserfahrungen rund ums Essen, um besondere Gerichte oder Vorlieben dreht,

Ein Memoir heißt dann etwa Momoir, wenn es um die Geschichte einer Mutter geht, es heißt Foodoir, wenn die Erlebnisse sich um Lebenserfahrungen rund ums Essen, um besondere Gerichte oder Vorlieben dreht,

es heißt Art of the Moment-Memoir, wenn es vor allem aus Momentaufnahmen besteht. Ein solches Memoir kann ein Patchwork-Teppich sein und viele Texte versammeln über Begebenheiten, Personen, Erfahrungen aus Deinem Leben.

Genial finde ich die ganz kurzen Formen. Etwa Essay, Blog und Kolumne, die – autobiografisch fundiert – zum Mini-Memoir werden! Es sind meine Lieblingsgenres, weil sie mir erlauben, meine Stimme zu trainieren. Sie sind kurz, knackig, bringen meine Meinung oder Erfahrung auf den Punkt, sind unterhaltsam und versammeln meine guten Argumente. Ich erfahre: Meine Stimme trägt.

Personal Essays kommen in vielerlei Gewand daher. Sie sind eine wunderbare Möglichkeit, gesellschaftspolitische und private Themen spielerisch zu erkunden, die Ausdrucksfähigkeit zu verbessern und eine eigene Schreib-Stimme zu entwickeln. Das kann Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit fördern, weil Schreibende die Erfahrung machen, dass sie etwas zu sagen haben und gehört werden. So können sie gesellschaftlich teilhaben und ihren demokratischen Beitrag leisten.

Essays können Kolumnen (Martenstein, Zeit-Rubrik: Ich habe einen Traum, Axel Hacke etc.) oder auch Blog-Texte sein. Manchmal erscheinen sie – wie im Spiegel – schlicht unter der Rubrik „Essay“.  Aber auch viele andere Texte haben essayistische Teile, weil trockene Materie damit lebendiger wird.

In „Die Zeit“ sind die überwiegende Anzahl der Artikel essayistisch geschrieben, mit subjektiver Färbung, die durch den Autor:innen-Namen kenntlich gemacht wird. In den USA heißen Essays deshalb auch „opinion pieces“.

In der Kunst des Essay-Schreibens üben sich nicht nur Berufs-SchreiberInnen.

Es gibt beispielsweise die „This I believe-Seite“ im Internet, die in den 50er Jahren gestartet wurde, um einen Dialog über persönliche Werte anzuregen. Dort haben berühmte wie unbekannte Schreiber:innen ihre Texte veröffentlicht. Mittlerweile gibt es einen großen Fundus zu Werten aller Art. Menschen aller Lebensbereiche haben dort erklärt, was ihnen im Leben Orientierung bietet.

Dies sind aus dem Leben geronnene Geschichten und Schlussfolgerungen. Sie handeln von Entscheidungen, von verpassten Chancen, von Dingen, die nie Wirklichkeit waren, von Erinnerungen, die einen verfolgen, von allem und jedem, das einen Stellenwert für die oder den Autor:in hat.

Essays können auch als „Statements of your own belief“ beschrieben werden, das heißt, es sind Texte über das, an das jemand glaubt.

„Wenn Du Dein Leben offenlegst, konkrete Situationen und ehrliche Gedanken schilderst, … kannst auch Du leicht in 25 Sätzen einen spannenden oder berührenden Personal Essay schreiben“

heißt es in der Zeitschrift  „UTNE reader“: www.utne.com/arts/howtowriteapersonalessay

Der Essay ist für mich so etwas wie der Grundteig, aus dem sich die anderen Backwerke – Blog und Kolumne – ergeben können, wenn ich ein paar Zutaten verändere.

Rezept für Deinen Personal Essay

Essay schreiben kann ganz einfach sein

  1. Schreib’ einen Einleitungsabsatz,
  2. dann folgen drei Absätze, die jeweils eine Deiner drei wichtigsten Ideen, Erfahrungen und Argumente zum Thema enthalten
  3. jetzt kommt der zusammenfassende Fazit-Absatz.

Faustregel: Schreib’ pro Absatz fünf Sätze. Fertig.

Ein wichtiger Hinweis: Mit Offenheit und Ehrlichkeit erreichen Schreiber:innen ihre Leser:innen am besten. Wir tun gut daran, in Essays auch Sorgen und Ängste einzuräumen und spezielle Beispiele aus dem echten Leben zu schildern, statt abstrakte Konzepte zu bemühen.

Ein paar Tipps:

  • Keine Beispiele aus dem Fernsehen, Zeitungen oder Büchern, es sei denn sie haben eine direkte Wirkung auf Dich gehabt.
  • Über universelle Themen schreiben, die Du selbst durchlebt hast und zu denen andere sich in Beziehung setzen können, wie Liebe, Angst, Tod oder Sex, Drogen, Rock n’Roll.
  • Spezifische Beispiele auswählen, die Deine Erfahrung illustrieren.

Nicht im Allgemeinen oder generalisierend über Themen schreiben, wie etwa die Nachteile von Psychopharmaka, die Versäumnisse der Umweltpolitik, die Folgen der Corona-Krise, sondern ganz konkret „am eigenen Leib Erfahrenes“ schildern.

Meine Anregung: Begib Dich auf die Suche nach essayistischen Formen in Zeitungen und Magazinen. Dort findest Du auch Themen, die Dich begeistern, verärgern, denen Du zustimmst oder widersprichst.

Sobald Du spürst, Du möchtest zu einem der Themen einen Standpunkt entfalten, nimm mein Backrezept und schreib los! Gönn Dir die Erfahrung: Deine Stimme ist gut vernehmbar und sie trägt!

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