Was soll mir das sagen?

„Nichts ist für nichts“, behauptet meine Freundin R. aus W. gern. Da sie meistens recht hat, frage ich mich heute: Wozu war das nun wieder gut? Oder besser: Was soll die Deutsche Bahn mich lehren?

Vorweg: Ich bin Bahnfan – auf dem Weg zu Schreibfreundinnen in Wien verschafft sie mir stets zehn Stunden wundervolle, weil ungestörte, Schreib-, Schlaf- und Essenszeit (Reservierung vorausgesetzt). Auf dem Weg zur Arbeit garantiert sie eine gute Entschuldigung und verständnisvolles Nicken („Ach, die Bahn hatte wieder mal Verspätung“). Vor längeren Reisen mindert sie meine Nervosität (statistisch gesehen ist Zugfahren eine gefahrlose Sache).

Heute morgen ist meine Loyalität auf eine harte Probe gestellt worden. Obwohl ich unbedingt acht Stunden Schlaf benötige (Denken ohne Licht an im Kopf geht bei mir nicht), bin ich heute um halb fünf aufgestanden, um den Regionalzug nach Hamburg rechtzeitig und gelassen zu erreichen. Damit wollte ich gleich zwei Muster durchbrechen, und endlich einmal

  1. ganz entspannt ankommen, statt wie sonst rechtzeitig, aber voller Adrenalin.
  2. wirtschaftlich statt wie sonst meist: großzügig handeln (Regionalbahn dauert länger, ist aber billiger als IC).

Am Gleis – ich halte die billigere Fahrkarte in der Hand – die Versuchung: Der schnelle IC von vor einer Stunde hat eine irrwitzige Verspätung und fährt gerade ein: ich könnte im alten Muster bleiben, einsteigen, und teuer im Zug nachlösen. Dafür wäre ich früher in Hamburg, könnte den schweren Koffer noch bequem im Hotel abliefern und einem gesunden Rücken und meiner Seelenruhe näher kommen.

Mein Bauch ruft: Tu’s. Mein Kopf rät: Birgit, meine Liebe, Du wolltest doch wirtschaftlicher …“
Ich folge dem Kopf.

Ich steige brav in den Regionalzug, der schnelle IC gegenüber fährt ab, ich höre die Durchsage: „Wegen einer Lokstörung … fünf Minuten Verspätung.“

Toll, mein Puffer fürs Umsteigen am Hauptbahnhof verliert fünf Minuten.

Nach zehn Minuten, erneut der Zugchef: „Wir müssen Sie noch einmal ein paar Minuten vertrösten …“

Der Umsteige-Puffer ist ernsthaft angefressen.

Nach einer halben Stunde fliehen alle Passagiere – die vergeblich auf eine weitere Ansage warten – in den Zug am anderen Bahnsteig, der nun nach Hamburg fahren soll, allerdings dabei an jeder Milchkanne hält.

Wir sitzen gerade alle wieder, um zu hören: „Liebe Fahrgäste, der ursprüngliche Zug kann doch fahren, bitte steigen Sie wieder um …“

Alle Passagiere stürzen mit Koffern, Taschen, Stock und Schirm zurück in den Wagen, aus dem sie gerade geflohen sind.

Fünf Minuten später, der Zugchef: „Scheiße, ich habe die Nase voll, wir fahren doch nicht. Jetzt ist der Steuerwagen defekt“.

Mein Puffer zum Umsteigen in Hamburg ist schon längst nicht mehr existent.

Alle Passagiere stürzen WIEDER mit Koffern, Taschen, Stock und Schirm in den Zug am anderen Bahnsteig, der mittlerweile verspätet und noch dazu mit Halt an jedem Unterwegsbahnhof nach Hamburg schleicht.

Hier sitze ich nun und höre die Zugchefin: „Ihnen allen trotz der Verspätung eine entspannte Fahrt. Und ich denke: „Liebe R. , wofür war das nun gut?“ Denn auch heute werde ich wieder mit viel Adrenalin, verspanntem Rücken und darüberhinaus noch mit Schlafdefizit am Ziel ankommen.

Fehlt nur, dass meine Kollege*innen gleich denken, ich wäre zu spät aufgestanden oder hätte am falschen Ende gespart, wenn ich mich auf die einzige Konstante der Deutschen Bahn verlasse und sage: „Entschuldigung, der Zug hatte Verspätung“.

PS: A propos, was kann ich lernen? Das Memoir, das auf dem Weg nach Wien in den wunderbar ungestörten Bahnfahrzeiten entstanden ist, heißt: „Bauchgefühle“. Sollte mir das etwas sagen?

4 Kommentare zu „Was soll mir das sagen?“

  1. Ach, das war nur Pech! Ich find’s klasse, wenn man versucht die Muster zu durchbrechen. Mindestens noch zwei neue Versuche musst Du machen 🙂 Und immerhin schenkt einem solch eine Erfahrungen einen schönen Text. Meinen Dank dafür!

    1. Liebe Simonsegur, danke Dir herzlich für Deinen Kommentar. Muster zu durchbrechen, am besten täglich, soll geradezu lebensverlängernd sein. Habe ich auf einer Tagung gerade gelernt. Dazu muss ich gleich mal bloggen ….
      Ganz liebe Grüße B. 🙂

  2. Der letzte Satz bringt es an den Tag. Liebe Birgit, deine “nichts ist für nichts” Freundin ist gerade deiner Zugerzählung nickend gefolgt. Ach, wie sag ich’s dir ? – Wärste mal eingestiegen. ….
    Kenn ich gut diese Situation. Die DB bietet sozusagen nahezu täglich eine Fortbildung in Bezug auf das Bauchgefühl an.
    Faktisch gilt In Zweifelsfällen die empirische Regel, der Zug fährt nach fünf Minuten, einer Stunde oder gar nicht mehr. Also immer die nächste Möglichkeit wählen, – egal wie teuer. (Wie du weißt) Billig wird es betimmt auch noch mal gehen, wenn du zum Beispiel einen Zeitpuffer von 24 Stunden (wenigstens innerlich) dein eigen nennst.
    “Nichts ist für nichts” ist die kognitive Legitimation für die Dinge, die passieren, weil ich es so wollte, weil ich keine Einspruchmöglichkeit hatte oder weil der Bauch fröhlich entschieden hatte…
    Wofür war’s nun gut ? Dafür, dass ich dich auf diesem Weg mal wied er herzlich grüßen kann.

    Vielleicht auch, damit wir alle vorsichtiger im Umgang mit LAUTsprechern werden. Und die Angst vor unseren Bauchgefühlen verlieren, sie vielleicht lieben und ihnen folgen lernen. Mich tät’s freuen.

    Deine Regine

    Und Vorsicht ! : “Morgens hat’s die Zeit besonders eilig.” rm

  3. Liebe Regine, da hat Frau R. aus W. mal wieder mehr als Recht 🙂 Und ich freue mich, dass die Bahn mir diesen wundervollen Kommentar verschafft hat. Sie umarmt. B.

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